Umgang mit Stress

Jeder von uns reagiert auf Stress anders. Um mit Stress besser umzugehen müssen wir unseren physischen Körper und unser Nervensystem zunächst einmal besser begreifen. 

 

In einer Gefahrensituation wird unser Gehirn das autonome Nervensystem alarmieren. Die Antwort daraufhin erfolgt vom sympathischen Nervensystem (SNS). Hormone wie Kortisol und Adrenalin werden in die Blutbahn freigesetzt, was zur Folge hat, dass unsere Sinne geschärft werden, unsere Herzfrequenz erhöht wird und unser Blutdruck steigt. Die Leber stellt Zucker zur Verfügung, so dass die Muskeln und das Gehirn mehr Energie umsetzen können. Das Blut strömt vermehrt in die Skelettmuskulatur. Die Schweißdrüsen werden angeregt, um den Körper vor Überhitzung zu schützen.

 

Das parasympathische Nervensystem (PNS), der Gegenspieler des Sympathikus ist zuständig für Entspannung und wird auf eine solche Gefahrensituation entweder mit Energie, Entschlossenheit und Fokus antworten oder umgekehrt mit Angst und Aggression. 

Diese angeborene Reaktion von uns Menschen nennt man Kampf-oder-Flucht-Reaktion (fight-or-flight-syndrome). So wird der Körper augenblicklich in Handlungsbereitschaft versetzt. Evolutionstechnisch zum Überleben äusserst sinnvoll.

 

Nur dass wir in der heutigen Zeit nicht mehr vor Mammuts und Löwen weglaufen müssen, sondern eher vor einer Flut von E-Mails oder dem gereizten Chef.

Das wäre alles gar nicht so schlimm, wenn wir uns nach diesen Stress-Situationen auch wieder entladen könnten. Jogging, Fitness, ein Workout oder Power-Yoga. Wir müssen unsere bereitgestellte Energie wieder loswerden können. Sport hilft also gegen Stress, weil er, physiologisch betrachtet, den beiden Ur-Reaktionen gleicht.

 

Ein Körper in permanenter Alarmbereitschaft ist nicht gesund.

Aber nicht alle Menschen reagieren unter Druck gleich, und längst nicht alle erkranken irgendwann in ihrem Leben an Dauerstress. Schlaflosigkeit, Depression, chronische Schmerzen, Herzkreislauf-Erkrankungen nur um einige Symptome zu nennen.

 

Auch im Yoga können wir bei bestimmten Übungen in Stress geraten. Allein der Name der Übung reicht manchmal aus, um unser sympathisches Nervensystem in  Alarmbereitschaft zu versetzen. Handstand oder Streckübungen, wie der Bogen (Dhanurasana) sind nur Beispiele.

Wenn wir aber lernen, diesen Übungen mit einen ruhigen Geist gegenüberzutreten, und tiefer zu atmen, signalisieren wir dem Sympathikus alles ist okay, ist ja gar nicht so schlimm. Unser Parasympathikus bleibt entspannt, aber auch fokussiert und klar. Wir sind achtsam und präsent.

 

So wie wir Yoga auf der Matte üben, entspannt und ruhig zu bleiben auch bei anspruchsvollen Positionen, sollten wir das gleiche im Alltag praktizieren. Yoga of the mat!

 

Es ist schliesslich keine Kunst 6 Wochen Ferien zu machen und total entspannt dabei zu sein:)

Die Kunst besteht also darin in einem turbulenten Alltag die Ruhe zu bewahren. Klare Gedanken fassen, fokussiert bleiben.

 

Und genau das kann uns Yoga lehren. 

Schon Patanjali wusste, Yogaübungen (Asanas) sollten sowohl Kraft als auch Leichtigkeit vereinen. Wenn es dir möglich ist in einem Handstand die Ruhe zu bewahren, trainierst du neben deinem Geist auch gleichzeitig dein Nervensystem. 

 

Für Menschen, die immer auf der Überholspur durchs Leben gehen ist Endentspannung (Shavasana) die beste Übung zum Erlernen. Hier kommt der Parasympathikus ganz auf seine Kosten, während der immer getriebene Sympathikus mal zur Ruhe kommt. 

 

Wie meistere ich nun stressige Situationen genau? Dazu hilft es sich einmal selber zu beobachten - Selbstreflexion.

Stelle dir die Vorwärtsbeuge vor. Viele von uns werden in dieser Position ihre hintere Oberschenkelmuskulatur spüren, auch sehr bewegliche Yogis.

Nun gibt es zwei Varianten: Man kann den Dehnungsreiz in der Muskulatur ignorieren und weiter in die Position gehen, sozusagen mit seiner Muskulatur „fighten“. Oder man kommt aus der Position und vermeidet die Challenge. Das wäre dann die Flucht ergreifen. 

Nun muss ich meinen physischen Körper und auch meinen Geist fragen, wie fühlt ihr euch in dieser fordernden Position, der Vorwärtsbeuge? Wie reagiere ich auf meiner Yogamatte mit Stress und wie reagiere ich typischerweise im normalen Leben auf Stress?

Übrigens kann ich meine hintere Oberschenkelmuskulatur herrlich überlisten mit der reziproken Hemmung. Die Spannung einige Sekunden lösen, bevor ich mit Anspannung der Agonisten wieder in die Postion gehe. (Meine Yogis wissen, was ich meine).

 

Mit dieser Übung, der Selbstreflexion auf der Yogamatte, kann ich vielleicht in Zukunft auch die Ruhe im Alltag behalten, wenn es mal stressiger zu und hergeht. Das können sowohl Situationen, Gedanken und auch Emotionen sein. 

Wenn du innehältst, dich beobachtest, bist du im Jetzt und kannst mit schwierigen Situationen besser haushalten. Der Stress überrollt uns nicht einfach. Wir können besser damit umgehen, weil wir gelernt haben die Ruhe zu bewahren und selbst verantwortlich sind, welches Nervensystem zum Greifen kommt und in welcher Form. 

 

So wie unser Körper neue Übungen erlernen kann, kann auch unser Geist neue Muster erlernen und unser Nervensystem neue Wege erlernen, wie mit Stress besser umzugehen. 

 

Deine eigene Praxis auf der Yogamatte ist dein Spiegel zur realen Welt. Du musst dich nur selbst beobachten!

 

Stay calm whatever life brings!

 

In diesem Sinne verlasse ich mal meine Comfort-Zone und werde meinem Sympathikus ein wenig Futter geben. Grosse Welle für kleine Yogis.

 

Mein Mantra für solche Tage: breath - dive - breath - dive - breath! Stay calm and relax! Look at the beauty and power of the wave. The sun is out. It’s a perfect day! BREATH:)

 

 

Eure Sylvi